LEIPZIG | Die Befreiung der Messestadt am 18. April 1945 durch US-Truppen jährt sich zum 81. Mal. Doch während die Stadt bereits auf das Ende des Krieges hoffte, vollstreckte das NS-Regime in den Vororten letzte, grauenhafte Mordbefehle. Ein zentraler, jedoch oft verschlossener Ort dieses Gedenkens ist die heutige General-Olbricht-Kaserne.
Im Rahmen einer antifaschistischen Radtour wurde ein seltener Zugang zu diesem militärischen Sperrgebiet ermöglicht, um an die 32 Männer zu erinnern, die dort am 13. April 1945 – nur fünf Tage vor dem Einmarsch der Alliierten – hingerichtet wurden. Während die Kaserne im Alltag für die Öffentlichkeit unzugänglich bleibt, dokumentieren wir an dieser Stelle den Redebeitrag, der vor Ort am Gedenkstein verlesen wurde, um die Namen und Schicksale der dort ermordeten Widerstandskämpfer aus der Anonymität des Kasernengeländes zu holen.
Die vollständige Route der Gedenktour inklusive aller historischen Hintergründe ist hier einsehbar: Route der antifaschistischen Fahrradtour 2026
Dokumentation: Redebeitrag in der General-Olbricht-Kaserne (Volltext)
„Nun sind wir an der General-Olbricht-Kaserne, benannt nach einem ranghohen Wehrmachtsoffizier, der infolge seiner Beteiligung am Staufenberg Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. Er und große Teile des militärischen Widerstands entschlossen sich zum Attentat auf Hitler als die militärische Lage der Faschisten bereits aussichtlos war. Immer wieder werden Staufenberg und seine Mitverschwörer als Helden des Widerstands gefeiert oder nach ihnen Straßen und Kasernen benannt. Wir sind aber heute natürlich nicht hier, um einem Mann zu gedenken der im faschistischen Militär Karriere machte. Sich an der Besetzung der Tschechoslowakei und am Überfall auf Polen beteiligte und später als Schreibtischtäter den Vernichtungskrieg gegen die sowjetische Zivilbevölkerung mit organisierte.

Wir sind hier, weil hier am 13. April 1945, nur fünf Tage vor der Befreiung Leipzigs, 32 Männer hingerichtet wurden. 26 von ihnen wurden für ihre Beteiligung am tschechoslowakischen Widerstand ermordet. Aber wie kamen sie eigentlich in die Fänge der Faschist:innen? Bereits am 29. September 1938 verleibte sich das Deutsche Reich im Rahmen des Münchner Abkommens die Grenzregionen der Tschechoslowakei, das sogenannte Sudentenland ein. Unter dem Slogan „Heim ins Reich“ wurde die Region ähnlich wie Österreich bereits im März 1938 an das Territorium des Reiches angeschlossen. Mit der Okkupation durch die Wehrmacht und der Zerschlagung der Tschechoslowakei wurde am 15. März 1939 das sogenannte „Protektorat Böhmen und Mähren“ gegründet und der Rest des Landes unter deutsche Kontrolle gestellt.
Ziel der faschistischen Rasseideologie war es die Bevölkerung zu Germanisieren bzw. eine Rückgermanisierung durchzuführen. Von den ca. 7,5 Millionen unter den Einfluss der deutschen Behörden geratenen Bürgerinnen wurden 250.000 als Deutsche definiert. Ca. 60 % der Bevölkerung wurden als „germanisierbar“ eingestuft. Somit sah die faschistische Lebensraumpolitik eine Vertreibung oder Vernichtung der übrigen fast drei Millionen Bewohnerinnen der zerschlagenen Tschechoslowakei vor. Da das Deutsche Reich jedoch auf die Arbeitskraft der gut ausgebildeten Tschechen:innen als Zwangsarbeitskräfte angewiesen war und die relative Ruhe im Protektorat halten wollte, wurden die Pläne der „Germanisierung“ auf einen Moment nach dem Krieg verschoben. Diese „Gnadenfrist“ galt für Sinti:zze und Rom:nja oder Jüdinnen und Juden jedoch nicht. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten auf dem Gebiet des Protektorats ca. 6.500 Sinti:zze und Rom:nja von ihnen überlebten nur knapp zehn Prozent den Völkermord. Von den rund 95.000 Jüdinnen und Juden, die 1941 in den böhmischen Ländern lebten, überlebten nur etwa 15 Prozent die Shoa.
Mindestens 38.000, nicht rassisch-verfolgte, Bürgerinnen fielen bereits kurz nach Errichtung des Protektorats den sogenannten „Säuberungsaktionen“ zum Opfer. Als Kommunist:innen und Intellektuelle wurden sie als Gegner:innen ausgemacht, aber auch deutsche politische Exilant:innen die ab 1933 über die Grenze geflohen waren fielen den Faschisten in die Hände. Die Organisation des Protektorats erfolgte durch eine autonome tschechische Verwaltung. Staatsoberhaupt blieb der von der tschechoslowakischen Nationalversammlung Ende November 1938 gewählte Staatspräsident Emil Hácha. Die Regierung durfte ihre Hoheitsrechte nur im Einklang mit den politischen, militärischen und ökonomischen Interessen Deutschlands ausüben, die der Reichsprotektor überwachte. Dieser besaß gegenüber der Protektoratsregierung unbegrenzte Eingriffsmöglichkeiten und konnte deren Gesetze jederzeit aufheben.
Zeitgleich gab es eine tschechoslowakische Exilregierung, die anfangs aus Paris, später aus London den Widerstand gegen die Besatzung organisierte und eine tschechoslowakische Armee aufstellte, die sich den Alliierten anschloss. Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei führte als einzige Partei ihre Strukturen in der Illegalität weiter, minimierte jedoch zunächst den Widerstand, da sie im Rahmen des deutsch sowjetischen Nichtangriffspaktes vom September 1939 an die Weisungen Stalins aus Moskau gebunden war. Erst mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde die KP eine zentrale Kraft im tschechoslowakischen Widerstand. Bis dahin war er hauptsächlich von breiten bürgerlich – nationalen und sozialdemokratischen Kreisen getragen, die enge Kontakte zur Exilregierung in London unterhielten.
Eine der bekanntesten Aktionen des aus London gesteuerten Widerstands stellt der erfolgreiche Anschlag auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich vom 27. Mai 1942 dar. Heydrich hatte das Amt im September 1941 übernommen, einen Ausnahmezustand verhängt und sich in kurzer Zeit durch eine massive Repressionswelle gegen den tschechoslowakischen Widerstand den Namen „Schlächter von Prag“ verdient. Nachdem Heydrich am 4. Juni 1942 seinen Verletzungen erlegen war, ließ sein Nachfolger mehr als 10.000 Menschen festnehmen und das Dorf Lidice dem Erdboden gleich machen, 173 männliche Einwohner wurden erschossen sowie über 300 Frauen und Kinder in KZ verschleppt oder zur Germanisierung in SS-Familien gegeben.
Das Attentat auf Heydrich war aber bei weitem nicht der einzige Akt des Widerstandes der Bevölkerung gegen die Nazi-Okkupation. Immer wieder kam es zu Sabotageakten, Streiks und der Verbreitung von Informationen über Flugblätter und illegale Radiosender. Aber auch Gruppen von Partisan:innen waren im Protektorat aktiv. Hier möchte ich auf Josef Serinek hinweisen, der als Rom verfolgt aus dem KZ Lety floh und zum Anführer einer Partisanenorganisation aufstieg. Die Deutschen Besatzer gingen mit äußerster Härte gegen jedwede Form des Widerstands vor und verhängten auch bei kleineren Verstößen Todesurteile. Anfang April 1943 richteten die Deutschen Besatzer zusätzlich die Hinrichtungsstätte Pankratz in Prag ein. Bis Ende April 1945 wurden hier 1.079 Menschen ermordet. Eine zentrale Rolle spielte jedoch auch die Hinrichtungsstätte in Dresden am Münchner Platz. Insgesamt 1330 Personen wurden dort während des Zweiten Weltkriegs durch die Guillotine ermordet, wovon 900 tschechoslowakische Staatsbürger:innen waren.
Bei den Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945 war es einigen dort inhaftierten Todeskandidaten möglich zu fliehen, andere wurden an andere Orte verlegt, so auch der Großteil der hier am 13. April 1945 ermordeten. Über sie ist leider sehr wenig bekannt. Es handelte sich um 26 Tschechoslowaken, zwei Franzosen, zwei Österreicher und drei aus dem Reichsgebiet. Der Tschechoslowake Dr. Josef Burget wurde wegen Abhören fremder Sender in Dresden zum Tode verurteilt. Das gleiche Urteil erging gegen Dr. Jan Bures wegen Asylgewährung für geflohene russische Gefangene. Vaclav Hofmann war Mitglied des antifaschistischen Widerstandes, Franz Tordec wurde wegen seiner Tätigkeit für die Kommunistische Partei hingerichtet. Alle hier ermordeten Bürger des Protektorats leisteten in irgendeiner Form Widerstand. Der Franzose Marus Renier kam wohl als Kriegsgefangener nach Leipzig und stammte aus der Gegend von Montpellier. Der deutsche Fleischermeister Herbert Müller aus Dresden wurde wegen einer „einfachen Schwarzschlachtung“ ermordet.

Am Tag nach der Ermordung wurden die Leichen in einem Massengrab auf dem Ostfriedhof verscharrt. Nach der Befreiung wurden sie teilweise exhumiert, identifiziert und in Einzelgräbern bestattet und ein Gedenkstein auf dem Ostfriedhof errichtet. Ab Mitte der 1960er Jahre forschte eine Einheit der NVA, welche die Kaserne nutzte zu den Ermordeten, am 8. Mai 1970 folgte die Einweihung eines Gedenksteins an einem Gebäude der Kaserne. Dieses Gebäude wurde in den 90er Jahren abgerissen, der Gedenkstein restauriert und ein provisorisches Denkmal errichtet.

Sowohl der Gedenkstein hier auf dem Kasernengelände als auch jener auf dem Ostfriedhof aber auch der Gedenkstein für die desertierten und hingerichteten Wehrmachtssoldaten, welcher 1998 auf Betreiben des Bundes der Antifaschisten e.V. ebenfalls auf dem Ostfriedhof errichtet wurde, geraten immer mehr in Vergessenheit. Unterstützt uns dabei das Gedenken an vergessene Verbrechen und Widerstand sichtbar zu halten oder sichtbarer zu machen. Gerne könnt ihr auch am kommenden Freitag 17. April ab 17 Uhr mit uns auf dem Südfriedhof am Antifaschistischen Ehrenhain die Grabanlagen der Leipziger Widerstandstkämpferinnen und Zwangsarbeitskräfte reinigen. Wenn ihr Lust habt euch einzubringen, sprecht uns gerne an.“
Die Radtour war eine Kooperation des VVN-BdA Leipzig, dem Ladenschlussbündnis Leipzig und der Naturfreundejugend Leipzig. /MS

