Muscheln am Strand von Gaza: Zwischen Erinnerung und Exil

Hamza Abu Howidy Muscheln am Strand von Gaza

Buchvorstellung in der Gallery KUB: Hamza Abu Howidy liest aus „Muschel am Strand von Gaza“ – und spricht über Hamas, Flucht, Rassismus und die Unmöglichkeit einfacher Worte.

Der Abend beginnt mit einer kleinen logistischen Ansage: Wer kein Englisch versteht, findet in der Flüster-Ecke der Gallery KUB eine Übersetzungshilfe. Es ist die dritte Veranstaltung der Reihe Between the Lines, organisiert vom linXXnet Kollektiv. Hamza Abu Howidy, Aktivist und Autor aus Gaza, sitzt vorne. Maria liest Passagen aus dem Buch vor, Moderator Paweł stellt die Fragen. Das Buch, erschienen im Fischer Verlag, heißt Muschel am Strand von Gaza – geschrieben gemeinsam mit der Journalistin Judith Popper.

Ein Viertel, das es verdiente, erinnert zu werden

Die erste Textpassage beschreibt das Viertel Arimal in Gaza-Stadt: breite Straßen, kleine Gärten hinter Eisentoren, Restaurants, ein berühmter Straßenmarkt, eine Eisdiele, zu der im Sommer Familien aus dem ganzen Küstenstreifen pilgern. Es ist eine bewusst liebevolle Erinnerung – und eine politische Entscheidung.

„Gaza war kein zerstörter Ort, der es nicht verdient hat, dass irgendjemand über ihn trauert“, sagt Abu Howidy. 

Er wendet sich gegen die im Westen verbreitete Kurzformel vom „größten Gefängnis der Welt”. Der Begriff sei ungenau, sagt er – und gefährlich vereinfachend: Wer Gaza nur als gescheiterten, zerstörten Ort beschreibt, übersieht, dass es dort gesellschaftliches Leben, Entwicklung und politische Handlungsfähigkeit gab. 

Moschee, Meer und doppeltes Leben

Die zweite Passage zeichnet das Aufwachsen in einer Gesellschaft nach, die zunehmend unter dem Einfluss der Hamas religös wurde. Abu Howidy beschreibt, wie er als Jugendlicher tagsüber Koranverse auswendig lernte und Gebetszeiten einhielt – und abends am Strand saß und von amerikanischen Highschool-Filmen träumte. Sein religiöser Mentor in der Moschee, Mohammed Abu Daya, erscheint zunächst als väterlicher Freund: Er joggte mit den Jungs, brachte ihnen Schwimmen bei. Jahre später, 2014, stellte sich heraus, dass er der Gründer einer Hamas-Kommandoeinheit war, die schwimmend in Israel eindrang und dabei vom israelischen Militär getötet wurde.

Abu Howidy erzählt das ohne Moralisieren. Es ist eine Geschichte über Widersprüche, die sich erst im Nachhinein auflösen – wenn überhaupt. Hamas habe nach 2007 systematisch gesellschaftliche Institutionen besetzt: Schulen, Moscheen, den öffentlichen Raum. Das einzige Kino Gazas wurde sofort niedergebrannt. Er berichtet auch von anhaltenden Missbrauchsskandalen in Moscheen, die intern kaum geahndet wurden – ein Thema, das in westlichen Medien, so Abu Howidy, nicht vorkommt, weil es das Bild des Opfer-Kollektivs kompliziert.

Flucht, Lager, Deutschland

2019 nahm Abu Howidy an den Protesten der Bewegung „We Want to Live“ teil – Demonstrationen gegen Hamas und gegen den Krieg zugleich. Er wurde verhaftet, gefoltert, floh über Rafah, Ägypten, das Mittelmeer nach Griechenland. Den 7. Oktober 2023 erlebte er im Flüchtlingslager. Kurz darauf wurden Asylverfahren für Palästinenser beschleunigt – auch für Menschen im Lager, die ihm nach seinen öffentlichen Aussagen gegen Hamas feindselig begegnet waren. Er schildert die Ambivalenz dieses Moments: Schutz sei ein Grundrecht für alle, aber Sicherheitsprüfungen müssten trotzdem möglich bleiben.

In Deutschland fand er mehr Schutz für seine Arbeit als Aktivist und Autor. Er fand aber auch etwas anderes: einen strukturellen anti-palästinensischen Rassismus, der ihn als Terroristen behandelt, solange er nichts Gegenteiliges bewiesen hat. Manchmal auch danach. Er erzählt von NGO-Mitarbeitern, die trotz allem nach Entlastungsgründen für israelische Militäroperationen suchen, und von Politikern, denen die Frage nach Gazan-Opfern eine Frage nach Hamas-Mitgliedschaft ist.

Worte und ihre Grenzen

Auf die Begriffe „Genozid“ und „Apartheid“ angesprochen, antwortet Abu Howidy präzise. Er sehe in Israels Vorgehen eher den Versuch ethnischer Vertreibung als Genozid – beides sei verwerflich, aber es seien unterschiedliche Kategorien. Den Begriff Apartheid halte er für das Westjordanland für zutreffend, gerade weil die israelische Regierung selbst behaupte, es sei kein besetztes Land – und dennoch zwei verschiedene Rechtssysteme für zwei Bevölkerungsgruppen anwende.

Was ihn irritiert, ist nicht die Debatte über Begriffe an sich, sondern die Energie, die sie verbraucht: „Wir debattieren, welcher Begriff gilt, und vergessen dabei, was mit den Menschen passiert.“

Abu Howidy ist kein bequemer Zeuge. Er kritisiert Hamas ohne Einschränkung und Israel ohne Ausnahme. Er beschreibt eine Familie, die Rückkehrforderungen als unrealistisch betrachtet – nicht weil der Verlust akzeptiert wäre, sondern weil sein Vater zwischen Ungerechtigkeit und Unmöglichkeit unterschied. Die Zwei-Staaten-Lösung bezeichnete er angesichts von über 500.000 Siedlern im Westjordanland als kaum noch umsetzbar. Er hat das alles in einem Buch aufgeschrieben, das man in Deutschland offenbar nicht auf einer Hand voll Veranstaltungsreihen diskutieren kann, ohne auf Widerstände zu stoßen. Das allein sagt einiges über den Zustand der Debatte.

Muscheln am Strand von Gaza von Hamza Abu Howidy ist im Fischer Verlag erschienen. /MS