Seit Kurzem wirbelt die propalästinensische Leipziger Gruppe Handala in den sozialen Medien einiges an Staub auf. Grund dafür ist die Ankündigung, unter dem Motto „Antifa means Free Palestine“ im Januar nach und in Connewitz zu marschieren. Im Fokus sind dabei das Abgeordnetenbüro linXXnet der Linken MdL Juliane Nagel und die Soziokultur Conne Island.
„Antifa means Free Palestine“ ist dabei eine mehr als unglückliche Verkürzung und quasi eine direkte Entsolidarisierung von Menschen, die nicht Willens sind, ihren Antifaschismus auf eine performative Palästinasolidarität zusammen zu dampfen.
Es entwertet die Kämpfe gegen tatsächlichen Faschismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus und jeder Art von Hass auf alternatives Leben in Leipzig und im ostdeutschen Hinterland, eine Gegend, für die Handala so gar keine Aufmerksamkeit hat.
Trotz dieser nun mehr als 40 Jahre währenden Kämpfe in und von Connewitz aus wird das Viertel auf infantile Art und Weise zu einem monolithisch-antideutschen Block zusammen geredet, der gegen jede Realität und Alltäglichkeit in diesem Viertel spricht und dabei auch dessen historische Entwicklung komplett ignoriert. Connewitz ist seit den 1980er Jahren ein sicherer Hafen für alternative Menschen aus der tiefbraunen, ostdeutschen Provinz, in dem man sich ungeachtet von Hautfarbe und sozioökonomischen Hintergrund sicher entfalten kann; und mit dem ein Alleinstellungsmerkmal im gesamten Osten der Republik hat. Und ausgerechnet dieses Viertel steht nun im Fadenkreuz linker Individuen und Gruppen.
Handala bemüht sich, zusammen mit weiteren einschlägigen Gruppen wie den Students for Palestine, um eine Erzählung einer „rassistischen No Go-Area“ Connewitz, die keinem Abgleich mit der Realität standhält.
Auch die Behauptung, dass „jede Form migrantischer Selbstorganisation oder Palästinasolidarität [unterdrückt werde]“ (wie es im Aufruf für die Demonstration heißt), entspricht ebenfalls schlicht nicht den Tatsachen. Handala suggeriert einen rassistischen Konsens im Viertel, den es einfach nicht gibt. Aber diese Falschinformation reiht sich in eine lange Reihe von Lügen ein, die vor allem andere Linke betreffen.
Aber: Tatsache ist, dass die von Handala erwähnten Übergriffe stattgefunden haben. Tatsache ist auch, dass es dafür weder Applaus noch Support gab, dafür aber viel Kritik. Was Handala wiederum geflissentlich verschweigt, ist die Alltäglichkeit der Kufiya auf den Connewitzer Straßen und auch wiederholte Mordaufrufe gegen „Zios und Antideutsche“ an den Häuserwänden sowie diverse Übergriffe, unter anderem auf die Kundgebung am Connewitzer Kreuz am 13. Oktober vergangenen Jahres. Anlass war die Erreichung eines zumindest vorläufigen Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas.
Handala versteht sich als linke, urbane Elite, welche Narrativ und Praxis dominieren möchte, mit einem Duktus, der jedem SED-Kader Tränen der Rührung in die Augen treiben würde. Aber eben ohne jede Aufmerksamkeit für faschistische Strukturen, Übergriffe und Vernetzung in Sachsen, ja nicht einmal in Leipzig.
Statt tatsächliche antifaschistische Praxis zu betreiben, entziehen Handala lieber den Angeklagten des AntifaOst-Verfahrens wegen eines Shirts die Solidarität, welches in Solidarität mit den Opfern und Überlebenden des Nova-Massakers am 7.10.2023 getragen wurde. Weswegen die Menschen angeklagt wurden, wie sich das in den zunehmenden Rechtsruck in Sachsen fügt, alles Nebensache beim Fokus auf performative Details.
Andererseits behauptet Handala von sich, „100% Antifa“ zu sein. Was man bei Handala nun aber vergeblich sucht, ist antifaschistische Mobilisierung. Deren „antifaschistischer“ Kampf, richtet sich hauptsächlich gegen andere, mutmaßlich oder tatsächlich israeldolidarische Linke. Diese seien qua Existenz rassistisch, islamfeindlich, pro Genozid und pro „Staatsräson“ und damit Erfüllungsgehilfen eines „BRD-Imperialismus“; und das alles bei einer reichlich dünnen bzw. widerlegbaren Beweislast.
Und es drängt sich dabei folgende Frage auf: Warum bleiben die tatsächlichen Vollstrecker*innen dieser Staatsräson komplett unangetastet. Wo sind die Demos vor den Parteizentralen von SPD und CDU? Warum macht man stattdessen Druck auf die wenigen linken Abgeordneten, auch unter Zuhilfenahme von Lügen, wie im Fall Juliane Nagel?
Es entsteht der Eindruck, Handala wittert nur da Faschismus, wo sie ihre vermeintliche linke Deutungshoheit herausgefordert sieht. Oder man sieht weniger Aussicht auf Erfolg beim Kampf gegen Regierungsparteien, was dann mindestens opportunistisch ist. Handala perpetuiert eigentlich nur den riesigen blinden Fleck auf der rechten Seite, ebenso wie es die sächsische CDU aus Tradition auch macht. Rechtsradikale Strukturen und Individuen in Leipzig bleiben von Handala komplett unangetastet, Demonstationen im Hinterland werden ebenfalls nicht unterstützt. Lediglich zwei Mal hat Handala bisher gegen die AfD mobilisiert, und das auch auf dem Rücken anderer Bündnisse, nicht aus eigenem Antrieb.
Dementsprechend kommt es nicht überraschend, dass rechte Personen und Netzwerke nun auch für den 17.01. mobilisieren. Selbst davon distanziert sich Handala nur halbherzig und nicht ohne zumindest einmal im selben Atemzug noch „Zionisten“ erwähnt zu haben.
Handalas Ohnmacht angesichts des allgemeinen Rechtsrucks liegt wohl in dessen Antifaschismusbegriff, der eine peinlich einfache Gleichung ist: keine sichtbare Solidarität mit Palästina = Kolonialismus und Genozid = Faschismus.
Dabei ist Handala ja selbst nicht einmal bedingungslos solidarisch mit palästinensischen Aktivist*innen: als der Anti-Hamas-Aktivist Hamza Howidy im Jahr 2025 von der Abschiebung aus Deutschland bedroht war, blieben Handala und Verbündete auffallend leise. Keine offene Solidaritätsbekundung, keine Unterstützung der Petition für sein Bleiberecht, keine Demo. Selbst Palästinenser*innen müssen für Handala auf der „richtigen Seite“ stehen, ansonsten gehören sie ins breite Feld ihrer Feind*innen.
Ob Handala nun will oder nicht, mithilfe von Feindmarkierungen, Einschüchterungen und Boykotten machen sie bereitwillig die Arbeit von Rechtsextremist*innen. Entscheidend ist für Handala nicht das individuelle Verhältnis zu Rassismus, Antisemitismus und Faschismus, sondern die „Linientreue“. Und es bleibt der schale Nachgeschmack, dass Handala wohl auch eher eine AfD-Regierung in Kauf nehmen würde, wenn sie nur allein die Deutungshoheit über die linke Sphäre der Gesellschaft hat. Angesichts der offenen Verbrüderung mit antiemanzipatorischen Bewegung wie Hamas, Hisbollah, Ansar Allah und dem theokratischen Regime in Iran überrascht die Duldung hiesiger antiemanzipatorischer Bewegungen nicht, wenn man sich nicht sogar in deren Nähe verortet.
Was für ein Antifaschismus soll das also sein, der Kräfte und Ressourcen im Kampf gegen Antifaschist*innen bindet, die wesentlich besser im Kampf gegen soziale Kälte, Neoliberalismus und Rechtsruck aufgehoben wären? Handala möchte so unbedingt eine antifaschistische Avantgarde sein, dass am Ende nicht mehr herauskommt als ein lauwarmer, unkritischer Wohlfühlantifaschismus, der letztendlich tatsächlichen Antifaschismus karikiert und seinem Bedürfnis nach Macht, Geltung und Deutungshoheit unterordnet und ihn so einordnet, wie es strategisch am besten passt.
Handala wäre also gut beraten, Faschist*innen dort zu suchen, wo man sie auch findet. Alles Andere ist Antifaschismus ohne Mehrwert. /TE
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