Wagenplatz Karl-Helga: „Lasst uns einfach machen“

Zwischen Lastenrädern und Info-Ständen auf der Auftaktkundgebung der „Housing Action Days“ ist der Stand von Karl-Helga kaum zu übersehen. Der Wagenplatz ist seit fast zwei Jahrzehnten eine Institution im Leipziger Westen. Doch die Idylle trügt: Seit dem Verkauf des Geländes an eine mittlerweile insolvente Immobiliengruppe vor einigen Jahren steht die Zukunft des Projekts auf dem Spiel. Wir haben mit Moni und Cinna darüber gesprochen, warum der Platz mehr ist als nur eine alternative Wohnform und wie sie das Gelände nun in Eigenregie retten wollen.

Der Wagenplatz Karl-Helga ist weit mehr als eine Ansammlung von Bauwagen. Er ist ein Kulturstandort, eine Frischluftschneise für das dicht bebaute Plagwitz und ein Rückzugsort für bedrohte Tierarten. Inmitten der aktuellen „Housing Action Days“ werben die Bewohnerinnen und Bewohner für eine radikale, aber eigentlich simple Forderung: Das Recht, dort bleiben zu dürfen, wo sie seit 17 Jahren Wurzeln geschlagen haben.

Moni, Cinna, ihr seid heute beim Auftakt der Housing Action Days mit einem Stand und einem Redebeitrag dabei. Was führt euch hierher?

Moni: Wir vertreten heute die Wagenplätze in Leipzig. Uns geht es darum, für alternative Wohnformen und deren ökologischen Nutzen zu werben. Wir wollen den Leuten erzählen, wer wir sind und wie wir wohnen. Es ist ein tolles, breites Bündnis hier, und wir fühlen uns als Teil dieser Bewegung für bezahlbaren Wohnraum.

In deinem Redebeitrag hast du konkrete politische Forderungen gestellt. Was genau verlangt ihr von der Stadt und der Politik?

Moni: Eigentlich ist unsere Forderung recht einfach: Wir wollen, dass man uns als Teil einer vielfältigen Lebensweise respektiert und machen lässt. Wir kümmern uns durch unsere DIY-Wagenplatzkultur bereits selbst um fast alles – um unseren Wohnraum, unseren Kulturraum und unsere Belange. Wir setzen uns dafür ein, dass wir die Flächen, die wir bereits seit langem nutzen, behalten können. Unsere Vision ist, dass Flächen, auch wenn sie Großkonzerne aufkaufen, am Ende den Menschen gehören sollten, die darauf leben. Wir wollen bezahlbar wohnen und unseren Lifestyle leben können, ohne dass Investoren uns die Grundstücke wegkaufen.

Das Grundstück, auf dem ihr lebt, wurde vor etwa fünf Jahren verkauft. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Cinna: Das Gelände wurde 2020 von einem der damals größten Bauunternehmer Deutschlands, Christoph Gröner erworben. Mittlerweile ist diese Immobiliengruppe jedoch insolvent, und es läuft ein komplexes Verfahren beim Amtsgericht. Für uns ist das eine Chance: Unser Ziel ist es nun, die Fläche selbst zu kaufen. Ein freihändiger Verkauf ist derzeit nicht möglich, aber wir bereiten uns darauf vor, das Gelände – voraussichtlich Ende 2026 – im Rahmen des Verfahrens zu erwerben.

Dafür braucht es Kapital. Wie wollt ihr diesen Kauf finanzieren und wie kann man euch unterstützen?

Cinna: Wir sammeln dafür bereits seit über einem Jahr sogenannte Direktkredite. Das heißt, Menschen können uns Geld leihen – schon ab 500 Euro. Wir sammeln diese Zusagen jetzt, um Ende 2026 handlungsfähig zu sein, wenn es zur Versteigerung oder zum Verkauf kommt. Das Geld wird dann nach und nach Schritt für Schritt zurückgezahlt. Wer uns also unterstützen will – egal ob durch das Erbe einer reichen Tante oder Erspartes auf dem Konto – kann uns eine Direktkreditzusage schicken.

Moni: Wer das Geld nicht leihen kann, kann natürlich auch spenden. Wir haben ein Crowdfunding laufen, um die laufenden Kosten für den Erhalt des Platzes zu decken. Alle Infos dazu findet man auf unserer Webseite unter dem Stichwort „Kauf die Klinge“.

Warum ist es für die Stadtgesellschaft wichtig, dass ein Ort wie Karl-Helga erhalten bleibt?

Moni: Es geht nicht nur um unseren Wohnraum. Der Platz hat einen riesigen ökologischen und sozialen Mehrwert. Wir sind eine der letzten unversiegelten Grünflächen in Plagwitz. Wir fungieren als Frischluftschneise und beeinflussen das Mikroklima im Viertel spürbar positiv.

Cinna: Genau, bei uns lebt zum Beispiel die Wechselkröte. Unsere Population ist eine der letzten in ganz Leipzig. Aber auch viele Vögel und Kleintiere finden bei uns einen Lebensraum, den es im durchgentrifizierten Umfeld kaum noch gibt.

Moni: Und sozial gesehen sind wir ein Ort ohne Konsumzwang. Man kann zu uns kommen, ein Konzert hören oder zusammen essen, ohne dass man viel Geld ausgeben muss. Wir sind offen für externe Veranstaltungen und wollen in die Stadtgesellschaft hineinwirken.

Wie kann man euch am besten kennenlernen, wenn man sich den Platz einmal anschauen möchte?

Cinna: Am besten kommt man zu unserer „Küfa“ (Küche für alle) vorbei. Die findet alle zwei Wochen in jeder geraden Kalenderwoche montags ab 19 Uhr statt. Es gibt immer leckeres veganes Essen, oft ein Feuer, und es ist der beste Weg, um unkompliziert mit uns ins Gespräch zu kommen.

Hintergrund: „Kauf die Klinge“

Das Projekt Karl-Helga organisiert den Rückkauf des Geländes über das Modell von Direktkrediten, ähnlich wie es das Mietshäuser Syndikat praktiziert. Infos und Kontakt für Unterstützer: kauf.die.klinge[ät]systemausfall.org oder auf der Webseite karlhelga.noblogs.org.

> Housing Action Days Leipzig: 23.–29.März
> Mehr auf LA-PRESSE.ORG zu den Housing Action Days
> Mehr Infos unter 
www.leipzigfueralle.de

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