Kartierung als Widerstand: Wie das Krikk.el Kollektiv den Leipziger Osten neu vermisst

Krikkel

LEIPZIG-OST | Ein plötzlicher Hagelschauer über dem Rabet markierte den Beginn eines ungewöhnlichen Stadtrundgangs rund um die Eisenbahnstraße. Knapp 20 Teilnehmende ließen sich am Donnerstagnachmittag nicht beirren, um mit dem „Krikk.el Kollektiv“ im Rahmen der Housing Action Days den Leipziger Osten neu zu vermessen. Dabei ging es nicht um Katasterdaten oder Immobilienpreise, sondern um eine radikale Form der Sichtbarmachung: das Counter-Mapping.

Während digitale Kartenanbieter wie Google Maps den Stadtraum meist als rein funktionale Fläche für Konsum und Navigation darstellen, verfolgt das Krikk.el Kollektiv einen kritischen Ansatz. Zu Beginn des Treffens im Rabet wurde eine große Plastikplane ausgebreitet – die Basis für eine interaktive Karte des Kiezes. Die Teilnehmenden pinnten historische Fotos auf die Plane und begannen so, die Geschichte des Viertels mit der Gegenwart zu verknüpfen.

Counter-Mapping: Machtverhältnisse offenlegen

Luca vom Krikk.el Kollektiv erklärte bereits im Vorfeld bei Radio Blau, dass Karten niemals objektiv sind. Traditionell seien sie Werkzeuge der Macht – genutzt für Kolonialismus oder zur Sicherung von Eigentumsansprüchen. Counter-Mapping hingegen nutzt die Kartierung als Mittel des Widerstands. Es geht darum, Perspektiven aufzuzeigen, die gesellschaftlich unterrepräsentiert sind. Ein Beispiel für diese Arbeit ist die in Zusammenarbeit mit der „Vernetzung Süd“ entstandene Gentrifizierungskarte. Sie zeigt, wie „gegen etwas“ kartiert werden kann, um Verdrängungsprozesse im Stadtbild zu visualisieren und Druck auf politische Entscheidungsträger auszuüben.

Multisensorik und Emotionen: Jenseits von Google Maps

Auf dem Rundgang durch den Osten wurde die rein visuelle Wahrnehmung schnell aufgebrochen. Das Kollektiv forderte die Teilnehmenden auf, eine „multisensorische Karte“ im Kopf (und auf der Plane) zu erstellen. Es ging um Gerüche, Geräusche und individuelle Erinnerungen. In der Abschlussdiskussion wurde deutlich, dass dieses „Emotional Mapping“ wie ein großes „Einmachglas für Erinnerungen“ fungiert. Ein Beispiel aus der Runde verdeutlichte die soziale Ebene: Wenn der Späti an der Ecke verschwindet, verschwindet durch die kapitalistische Verwertungslogik nicht nur ein Wohn- oder Geschäftsraum, sondern ein Stück Nachbarschaft und das Gefühl, zu Hause zu sein. Doch die Karte hilft dabei, dieses Wissen zu konservieren und der Homogenisierung der Stadt entgegenzuwirken.

Fragen an die Stadt: Wer kontrolliert wen?

Zum Abschluss des Rundgangs wurden kritische Fragen aufgeworfen, die den Teilnehmenden als Anregung für künftige Beobachtungen im Stadtraum mitgegeben wurden. Diese Fragen zielen auf die unsichtbaren Grenzen und die soziale Tiefe des Viertels ab:

  • Soziale Nähe: Kennt der Späti-Betreiber deinen Namen? Wie oft begegnest du jemandem, den du kennst?
  • Strukturwandel: Wie oft wechselt ein Lokal seinen Besitzer? Stinkt es an bestimmten Ecken nach Geld?
  • Teilhabe: Wer beobachtet wen? Wo sind die unsichtbaren Grenzen und wohin gehen die „Aussortierten“?
  • Lebensqualität: Möchtest du hier alt werden? Gibt es Raum für Improvisation und Nischen abseits des Konsumzwangs?

Der Rundgang machte deutlich, dass städtisches Leben ständiger Wandel ist. Doch durch das Mapping werde dieser Prozess nicht allein anderen – beispielsweise Investoren – überlassen. Es entstehe ein Raum, in dem neue Erfahrungen möglich sind, ohne die Geschichte des Vergangenen zu vergessen.

Eisenbahnstrasse Leipzig

Hintergrund: Das Krikk.el Kollektiv

Das Kollektiv entstand vor circa vier Jahren aus einem Zusammenschluss von Geografiestudierenden aus Halle und Leipzig. Heute arbeiten sie unabhängig von Hochschulen als aktivistisches Projekt und bieten Workshops und Kooperationen für Initiativen an, die ihre Umgebung kritisch kartieren wollen. Instagram: @krikk.el

> Housing Action Days Leipzig: 23.–29.März
> Mehr Infos unter 
www.leipzigfueralle.de
> Mehr zu den Housing Action Days auf LA-PRESSE.ORG