LEIPZIG | Im Leipziger Kulturraum „INTERIM“ wurde am Mittwochabend die Fotoausstellung „Es kann jeden treffen“ der Fotografin Maria Notbohm eröffnet. Die Dokumentation des Alltags wohnungsloser Menschen bildete den Rahmen für ein Fachgespräch mit Tino Neufert und Jessica Hoffmann vom Projekt SAFE (Straßensozialarbeit für Erwachsene). Im Kontext der „Housing Action Days“ beleuchteten sie die strukturellen Ursachen von Obdachlosigkeit und die spezifischen Herausforderungen der Sozialarbeit in Leipzig.
Das Projekt SAFE arbeitet mit einem differenzierten Ansatz, der sich in drei spezialisierte Teams gliedert: Das Team Konsum ist vorrangig im Leipziger Westen präsent und begleitet Menschen an Szenetreffpunkten und in der Suchtszene. Das Team Wohnen konzentriert sich auf den Hauptbahnhof und den Leipziger Norden, um Personen in ungeklärten oder prekären Wohnverhältnissen zu unterstützen. Ergänzt werden diese Strukturen durch den Hilfebus, der nachts im gesamten Stadtgebiet mobil im Einsatz ist, um Menschen in akuten Notlagen aufzusuchen und den Zugang zum Unterstützungssystem zu erleichtern.

Die Ausstellung trägt den Titel „Es kann jeden treffen“ – eine Botschaft, die provoziert. Oft hört man das Gegenargument, dass in Deutschland niemand obdachlos sein muss. Was entgegnet ihr dieser Sichtweise, wenn ihr täglich das Gegenteil erlebt?
Jessica Hoffmann: Ich sage ganz klar: Diese Aussage ist eine Lüge. Es gibt unzählige Gründe, warum Menschen wohnungslos werden. Das reicht von akutem Wohnraummangel über psychische Erkrankungen bis hin zu Abhängigkeiten, die es im aktuellen System fast unmöglich machen, eine Wohnung zu finden. Oft sind es rein strukturelle Probleme, die Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen. Wer behauptet, es sei eine freiwillige Entscheidung, ignoriert die Realität unserer Klient:innen.
Tino Neufert: Unsere Arbeit fängt genau dort an, wo diese Vorurteile aufhören. Wir verstehen uns als eine Art „Feuerlöscher“. Wir leisten Einzelfallhilfe direkt auf der Straße, treffen Gruppen und versuchen, gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden, die oft aussichtslos erscheinen. Das ist Gemeinwesenarbeit im wahrsten Sinne: Wir reden mit den Betroffenen, aber auch mit den Späti-Betreibern oder der Nachbarschaft, um den Sozialraum für alle bewohnbar zu halten. Dabei haben wir eine klare politische Haltung – unsere Arbeit ist auch ein moralisches Statement gegen die Ausgrenzung.


Wir befinden uns hier in Lindenau, mitten im Leipziger Westen. Tino, du beobachtest das Viertel seit zwei Jahrzehnten. Wie sehr hat die „Gentrifizierungsmaschine“ die Arbeit auf der Straße verändert?
Tino Neufert: Es ist bemerkenswert und erschreckend zugleich. Wir haben hier im Westen Menschen im Streetwork begleitet, die plötzlich einfach weg waren. Später haben wir sie in Grünau oder Paunsdorf wiedergetroffen. Sie wurden hier buchstäblich aus ihren Wohnungen gedrängt, weil alles teurer wurde. Paunsdorf hatte zeitweise die am stärksten steigenden Mieten der Stadt – das muss man sich mal vorstellen. Durch diese Aufwertung landen Menschen, die vorher noch irgendwie stabil waren, plötzlich in der Obdachlosigkeit.
Jessica Hoffmann: Und am Hauptbahnhof erleben wir eine andere Form der Verdrängung. Dort sind es oft ordnungspolitische Gründe: Die Menschen werden aus dem Sichtfeld geschoben, was die Arbeit für uns und den Zugang zum Hilfesystem massiv erschwert.
Gibt es in diesem harten Alltag Momente, die ihr als echten Erfolg verbucht? Jessica, du hast von einer Begegnung am Hauptbahnhof berichtet, die zeigt, wie klein die Hilfe manchmal sein kann, um Großes zu bewirken.
Jessica Hoffmann: Ja, das war ein sehr emotionaler Moment letzte Woche. Ich traf eine Frau aus Lettland, die nach dem Jobverlust in Berlin ohne Papiere in Leipzig gestrandet war. Sie hatte seit einem halben Jahr keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Ich habe ihr einfach mein Handy für einen Anruf angeboten. Sie kannte die Nummer ihrer Mutter noch auswendig. Als sie nach all der Zeit die Stimme ihrer Mutter hörte, brach sie in Tränen aus. Die Mutter hat ihr sofort Geld für einen neuen Pass geschickt, damit sie zurück nach Lettland kann. Manchmal kann eine vermeintlich kleine Tat schon großes Bewirken.

Wenn wir über Lösungen reden: Oft scheitert es am Geld oder an starren Strukturen. Wenn ihr heute ein Budget von einer Million Euro zur freien Verfügung hättet – wo würde SAFE investieren?
Tino Neufert: Ich würde eine Genossenschaft gründen – gemeinsam mit den wohnungslosen Menschen. Wir müssten Wohnraum direkt kaufen und das Kapital aus dem Wohnungsmarkt abziehen. Wohnen muss wieder zurück in öffentliche Hände.
Jessica Hoffmann: Ich sehe einen riesigen Bedarf bei EU-Bürgerinnen ohne Leistungsanspruch. Sie haben oft keinen Zugang zu regulären Notunterkünften und dürfen nur den Kälteschutz nutzen. Ich würde ein Projekt finanzieren, das diesen Menschen ganztägige Unterbringung und eine spezifische Sozialberatung ermöglicht, um sie aus der Isolation zu holen.
Ein Thema, das oft im Verborgenen bleibt, ist die Gewalt. Tino, du warst heute erst mit einem Fall konfrontiert, der zeigt, wie gefährlich das Leben auf der Straße in Leipzig sein kann?
Tino Neufert: Das ist eine Geschichte, die mir heute sehr nachhängt. Ich habe für einen rumänischen Mitbürger übersetzt, der schwer zusammengeschlagen wurde – er und seine Freunde. Er war sichtlich traumatisiert und brauchte dringend ärztliche Hilfe und Unterstützung bei der Anzeige. Solche Vorfälle sind kein Einzelfall. In unserer Beratung versuchen wir dann, erst einmal eine Basis zu schaffen: ein sicheres Umfeld, etwas zu essen und die medizinische Versorgung zu vermitteln. Es ist entscheidend, dass diese Menschen bei uns eine Anlaufstelle haben, wo sie verstanden werden und keine Angst haben müssen.
Hintergrund: SAFE und die Fotoausstellung
Das Projekt SAFE (Straßensozialarbeit für Erwachsene) ist ein Angebot der SZL Suchtzentrum gGmbH (Insta: @safeleipzig). Die Fotoausstellung von Maria Notbohm ist bis 3. Juli 2026 im INTERIM zu sehen. Sie dokumentiert die Lebensrealität von Menschen in prekären Wohnsituationen und regt zum Perspektivwechsel an. /MS
Fotos: Maria Notbohm
> Housing Action Days Leipzig: 23.–29.März
> Mehr Infos unter www.leipzigfueralle.de
> Mehr zu den Housing Action Days auf LA-PRESSE.ORG

