LEIPZIG-GOHLIS – In der laufenden Woche der bundesweiten „Housing Action Days“ setzt die Mietergewerkschaft Leipzig ein deutliches Zeichen für kollektive Mieterrechte. Während das Bündnis „Leipzig für Alle“ die Aktionswoche mit einer zentralen Kundgebung eröffnete, konzentrierte sich die Mietergewerkschaft auf die direkte Basisarbeit in den Vierteln. Am Coppiplatz in Gohlis stand zum Wochenauftakt der Austausch über das „Organizing“ von Nachbarschaften im Mittelpunkt. Wir haben mit Simon von der Mietergewerkschaft und Steffen, einem betroffenen Mieter aus dem Viertel, über den Kampf gegen intransparente Betriebskosten und den Aufbau solidarischer Strukturen gesprochen.
Die Mietergewerkschaft verfolgt einen strategischen Ansatz, der weit über die klassische, individuelle Rechtsberatung hinausgeht. Im Zentrum der Arbeit steht die konsequente Selbstorganisierung der Mieterschaft direkt in ihren Wohnhäusern. Ziel der Mietergewerkschaft Leipzig ist es, durch den Zusammenschluss in Haus- und Mietergemeinschaften eine schlagkräftige Verhandlungsposition gegenüber großen, profitorientierten Wohnungsunternehmen zu erreichen. Seit rund zwei Jahren unterstützt die Ortsgruppe in Gohlis Mieterinnen und Mieter aktiv bei der Abwehr von Instandhaltungsmängeln und der Prüfung fehlerhafter Abrechnungen.
Simon, ihr seid heute am Coppiplatz präsent. Was ist euer Ziel für den heutigen Aktionstag?
Simon: Wir sind heute hier, weil wir bereits seit knapp zwei Jahren in Gohlis aktiv sind. Mit der Mietergewerkschaft versuchen wir, Mieter zu kollektivem Handeln gegenüber ihren Vermietern zu organisieren. Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu finden: Wie wehrt man sich gegen Schikane? Wie kommt man zu seinem Recht? Wir wollen heute noch mehr Aufmerksamkeit bei den Nachbarn erzeugen, ins Gespräch kommen und hoffentlich weitere Mitstreiter für unser Projekt gewinnen.
Steffen, du bist einer dieser Mieter aus dem Viertel. Wie bist du zur Gewerkschaft gekommen?
Steffen: Ich wohne hier in Gohlis in einem Bestand eines großen Wohnungskonzerns. Der Auslöser waren völlig unklare Nebenkostenabrechnungen. Wir sind dann zur Mietergewerkschaft gestoßen und haben versucht, dieses System gemeinsam transparent zu machen und dagegen anzugehen.
Simon, man hört oft das Schlagwort „Organizing“. Wie sieht eure Arbeit vor Ort konkret aus? Wie gestaltet sich dieser Prozess in den Häusern?
Simon: Wir hatten das Glück, dass anfangs eine Mieterin aus Steffens Haus auf uns zukam, noch bevor unsere Ortsgruppe fest etabliert war. Damit hatten wir einen ersten Ankerpunkt – ein Haus, von dem wir wussten, dass es Probleme mit den Betriebskosten gibt und wo Menschen bereit waren, etwas zu verändern. Wir haben dann eine erste Mieterversammlung direkt vor Ort organisiert.
Von dort aus haben wir uns über zwei Jahre Stück für Stück weitere Häuser in Gohlis erschlossen. Wir führen Hausgespräche, klopfen an Türen und laden alle zwei Monate zur Versammlung ins Gohliser Schlösschen ein – das ist ein zentraler und neutraler Ort. Wir versuchen systematisch, die großen Wohnanlagen im Viertel abzuklappern. Das ist ein langwieriger Prozess, der viel Geduld erfordert, aber es bildet sich mittlerweile eine feste Kerngruppe heraus, die regelmäßig zusammenkommt.
Steffen, für viele ist der Schritt von der persönlichen Beschwerde zum aktiven Engagement groß. Wie hat sich das für dich angefühlt, plötzlich selbst aktiv zu werden?
Steffen: Ich stehe da auch noch am Anfang. Es ist am Anfang definitiv schwierig, sich zu überwinden, an einer Aktion teilzunehmen. Auch bei den ersten Hausgesprächen kostet es Überwindung, bei fremden Leuten zu klingeln und sich vorzustellen. Aber man gewöhnt sich langsam daran und es macht durchaus Freude, dabei zu sein und etwas zu bewegen.
Wenn jetzt Leute in Gohlis oder anderen Stadtteilen hellhörig werden – wie kann man euch unterstützen oder mitmachen?
Simon: Am meisten freuen wir uns über Menschen, die selbst aktiv werden wollen. Unser Ziel ist, dass sich Mietende in allen Häusern – unabhängig vom Vermieter – organisieren. Nur durch dieses Wachstum können wir als Gewerkschaft wirklich etwas bewirken. Man findet uns im Internet unter mietergewerkschaft.de oder kann uns direkt eine E-Mail an leipzig[ät]mietergewerkschaft.de schreiben.
Hintergrund: Die Mietergewerkschaft & Housing Action Days
Die Mietergewerkschaft setzt auf das Prinzip der Solidarität und des kollektiven Handelns (z. B. durch gemeinsame Belegprüfungen). Die Aktion war Teil der Housing Action Days 2026 (23. – 29. März). Unter dem Motto „Wohnen für alle“ finden diese Woche in ganz Leipzig Veranstaltungen, Workshops und Stadtteilrundgänge statt. /MS
> Housing Action Days Leipzig: 23.–29.März
> Mehr auf LA-PRESSE.ORG zu den Housing Action Days
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