Offene Fragen: Eskalation beim Derby BSG Chemie und LOK Leipzig

Letzten Samstag eskalierte es beim Fußball. »Als sich die Polizei mit Kameras dem Block nähert, um Videos zur Beweissicherung aufzunehmen, schlägt den Beamten blanker Hass entgegen.« schreibt die BILD. Das lässt sich so bestätigen. Gleichwohl wirft der Einsatz, nach einer Videoanalyse, kritische Fragen zur Einsatzleitung auf.

Wie kam es zum Einsatz von Beamt*innen im Stadion obwohl es anders vereinbart gewesen sein soll? Warum wurden Beamtinnen in den BSG Block entsendet, obwohl die Beweissicherung auch anders hätte realisiert werden können? Warum wurde Pfefferspray eingesetzt, nachdem die erste Eskalation beruhigte?

Was war passiert? Die Schritte im Einzelnen:

16:10 Uhr: Ein Beamter der Gruppe »SN 22/10« filmte das Abbrennen eines Bengalo Leuchtfeuers bei BSG direkt am »Norddamm«. Eine Gefährdung von Dritten war dabei nicht zu beobachten. Es kam zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Fans und den Beamt*innen der Gruppe »SN 22/10«. Die unbehelmte Gruppe zog sich daraufhin auf den »Cateringplatz« zurück.

16:11 Uhr: Unterstützend kam ein Gruppenverband, bestehend aus Einheiten »SN 22/20 mit SN 22/22 und SN 22/23« zum Ort des Geschehens aus Richtung Tribüne. Durch den Sicherheitsdienst dazwischen, entwickelte sich statische Situation. 

16:12 Uhr: Der unerklärliche Einsatz von Pfeffer durch einen Beamten, vermutlich der Gruppe »SN 22/23«, führte zum Zurückdrängen des Gruppenverbandes durch Fans in Richtung Tribüne.

16:15 Uhr: Ein behelmter Gruppenverband, mutmaßlich mit den Kennungen »911«, »912« und weitere, versuchte aus Richtung »Cateringplatz« erneut das Geschehen am Norddamm zu betreten. Er wurde erneut durch Fans zurückgedrängt. Dabei entstanden die von »HooligansTV« veröffentlichten Aufnahmen auf Twitter.

16:37 Uhr: Die anschließende Gefährdung von Dritten, durch mehrfache Leuchtstoffgeschosse aus dem Gästeblock von LOK Richtung BSG Ränge, wurde mit einem temporären Spielabbruch und der Präsenz von Beamtinnen auf dem Spielfeld unterbunden.

Auf der Tribühne, der Pressetribühne sowie zwischen Pressetrühne und Norddamm, waren Beamt*innen mit Camcordern im Einsatz. Der Camcordereinsatz von 16:10 Uhr, direkt am Norddamm, lässt sich durch im Nachgang erstellte, Vergleichsaufnahmen nur schwer begründen. Der Zoombereich von Camcorder-Standardmodellen der Polizei Sachsen ist für das Stadion ausreichend. Dazu das obige Video.

Offene Fragen:

Die »Beantwortung [unserer Presseanfrage] ist heute aufgrund des aktuellen Arbeitsaufkommens – nicht nur hinsichtlich des Fundes einer Fliegerbombe im Bereich der Alten Messe – nicht leistbar« hieß es gestern aus der Pressestelle der Polizeidirektion Leipzig. Wir fügen die Antworten diesem Beitrag hinzu, sobald sie bei uns eingehen.

Sehr »geehrte Damen und Herren,

bezüglich des Fußballspiels am letzten Samstag habe ich folgende Fragen:

1. Wieviel Beamt*innen und Beamte waren während des Spiels rund um das und im Stadion eingesetzt?

2. Wieviel davon in ziviler Kleidung?

3. Nachdem sich die unbehelmte, videographierende Gruppe SN 22/10 von der Treppe am Norddamm zurückzog, sicherte ein aus Richtung Tribüne kommender Gruppenverband bestehend aus SN 22/20 mit SN 22/22 und SN 22/23 die Treppe am Norddamm. Es entstand eine statische Situation und der Sicherheitsdienst hatte die Fans unter Kontrolle. Warum kam es dennoch zum Einsatz von Pfefferspray durch einen Beamten – der auch den, zwischen Polizei und Fans stehenden, Sicherheitsdienst in Mitleidenschaft zog?

4. Unbestätigten Informationen zufolge, soll vorab im Sicherheits-/Kooperationsgespräch vereinbart worden sein, dass sich keine uniformierten Beamt*innen im Stadion befinden. Ist das korrekt? Wenn ja, warum wurde gegen diese Vereinbarung verstoßen?

5. Unbestätigten Informationen zufolge, soll sich die Einsatzleitung nicht im Stadion, sondern in der Dimitroffstraße befunden haben. Ist das korrekt? Wenn ja, was war der Grund für die fehlende Präsenz am Einsatzort des Risikospiels?

6. Wieviele Beamtinnen und Beamten wurden bei dem Einsatz verletzt? Wieviele davon sind noch dienstunfähig?

7. Ist die Beobachtung korrekt, dass Beamte auf der Tribüne den Camcorder Model „Panasonic HC V777“ verwendeten? Falls nicht, welches Modell war dort im Einsatz?

8. Welche Kameramodelle waren auf der Pressetribüne im Einsatz?«

Update 13. Mai 2022: Auf die am 11. Mai, 17:27 Uhr versendete Presseanfrage erhielten wir heute, am 13. Mai, 12:54 Uhr folgende Antwort, die sich fast ausschließlich aus bereits veröffentlichten Informationen speist. Wir veröffentlichen sie daher nur in Auszügen. Nicht eingegangen wurde auf die Fragen 2, 3, 4, 5, 8 – sowie 7 nur teilweise:

die Polizeidirektion Leipzig hatte am 8. Mai 2022 in ihrer Medieninformation 203|2022 erste Angaben zum Einsatz gemacht. Am Samstag, den 7. Mai 2022 bestimmte neben mehreren Versammlungen und Veranstaltungen und einem Fußballspiel in Borna das Ortsderby den Einsatz der Polizeidirektion Leipzig mit Unterstützung durch die sächsische Bereitschaftspolizei. Unsere Erfahrungen zeigen, dass der überwiegende Teil der Anhänger beider Mannschaften grundsätzlich völlig friedlich ist und sich der polizeiliche Fokus von jeher auf den Teil richtet, der immer wieder durch Unfriedlichkeit auffällt. […]. Inzwischen ist eine Ermittlungsgruppe bei der Kriminalpolizeiinspektion gegründet wurden, bei der in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Leipzig die strafrechtliche Aufarbeitung erfolgt. […] Im Gesamteinsatz waren über 400 Polizeibeamtinnen und – beamte aktiv. Mit beiden Vereinen steht die Polizeidirektion Leipzig in Verbindung, um den Einsatz auszuwerten.

Inhaltliche Aussagen lassen sich seriös erst am Ende des Prozesses treffen, wofür ich um Verständnis bitte. Aktuell finden sich die Nachbereitung und die Ermittlungen noch am Anfang, so dass aktuell noch keine detaillierteren Angaben möglich sind.

Zu Fragen, die Einsatztaktiken der Polizeidirektion Leipzig betreffen, kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Grundsätzlich erfolgt die Einsatzführung aus einem Führungsstab heraus, zudem organisatorisch auch der Polizeiführer zählt. Für das in Rede stehende Fußballspiel waren neben anderen Einsatzkräften auch Verbindungsbeamte als Schnittstelle zum Verein BSG Chemie Leipzig eingesetzt. Hinsichtlich ihrer Frage zu den eingesetzten Videokameras kann ich Ihnen aktuell lediglich mitteilen, dass Modelle der Firma Panasonic eingesetzt werden. Grundsätzlich gibt es aber auch Modelle von Sony.

Pressestelle Polizeidirektion Leipzig


Verwendete Quellen:
Besuch des Spiels
Bild Leipzig
Hintergrundgespräche im Umfeld des »BSG Chemie Leipzig e.V.«
Ortsbegehung zur Rekonstruktion der Kamerapositionen im »Alfred-Kunze-Sportpark«