„Jetzt erst recht“ — Rote Gruppen und die Grenzen linker Debatte

Demo Leipzig

Tobias Prüwer über den abgebrochenen Vortrag zu autoritären Linken in Leipzig

Der Historiker und Journalist Tobias Prüwer wollte im Grünen Quartier über marxistisch-leninistische Gruppen in Leipzig referieren — über ihre Strategien, ihre Strukturen, ihre Attraktivität für junge Menschen. Der erste Termin fiel dem Amoklauf in Leipzig zum Opfer. Beim zweiten Versuch kam es zum Abbruch. Ein Gespräch über Raumnahme, innerlinke Kritik und das Buch, das folgen soll.

Der erste Termin ist dem Amoklauf in Leipzig zum Opfer gefallen, du hast ihn selbst abgesagt. Beim zweiten Versuch kam es zum Abbruch. Was ist dort konkret passiert — wer hat interveniert, wie wurde das begründet?

Es ging sehr schnell. Das war keine Veranstaltung von mir, sondern eine von Christin Melcher, die mich eingeladen hatte. Innerhalb der ersten paar Minuten, als ich anfing zu referieren, gab es die ersten Räusperer — man wusste sofort, das läuft auf Störung hinaus, das war geplant. Dann kamen erste Zwischenrufe, weil ich angeblich eine Gruppe nicht richtig benannt hätte. Als ob es jetzt so wichtig wäre, jede einzelne Gruppe in der richtigen Reihenfolge zu nennen. Das war ein bisschen absurd. Ich habe dann jemanden gebeten, nach vorne zu kommen und alles klarzustellen — das wurde aber nicht angenommen.

Die Rufe wurden immer lauter. Christin hat mehrfach interveniert und gebeten, ruhiger zu sein. Daraufhin hieß es, das sei keine Demokratie, wenn man nicht reinrufen dürfe. Als ob sie sich sonst großartig um Demokratie scheren würden. Irgendwann war es so laut, dass Christin erst unterbrochen und die Gruppe aufgefordert hat, den Raum zu verlassen. Da sie das nicht wollten, hat sie die Veranstaltung schließlich abgebrochen.

Zwischendurch gab es komische Szenen — Schubsereien mit Publikumsmitgliedern, einer zählt an, dann kollektives Klatschen, Gesang. Es wirkte weniger wie eine politische Intervention als wie Fußball-Hooliganismus. Das konnte ich zum Teil schlicht nicht ernst nehmen als politische Aktion. Die Hälfte der Leute, die mitgekommen waren, machte meinem Eindruck nach einfach Masse — inhaltlich waren viele gar nicht dabei. Das Publikum, das noch nicht so viel über die roten Gruppen wusste, war danach jedenfalls sehr informiert über deren Strategie der Raumnahme. Hinterher sagten mir Leute: Schade, dass wir den Vortrag nicht gehört haben — aber eigentlich haben wir sehr plastisch mitbekommen, was dein Grundproblem ist.

Du kündigst an, den Vortrag mit einem besseren Sicherheitskonzept zu wiederholen. Was bedeutet das konkret?

Das müsste man Christin fragen. Ich bin als Eingeladener reingegangen und hatte mir darüber selbst keine großen Gedanken gemacht — das Team macht seit 16 Jahren Veranstaltungen, ich dachte, die haben das im Griff. Es gab keine Securities, ein paar Mitarbeiterinnen haben versucht zu intervenieren, aber das war natürlich nicht ausreichend. Im Nachgang muss man das anders aufziehen. Wahrscheinlich braucht es jetzt ein Sicherheitskonzept.

Du hast den Text im EFBI-Jahrbuch veröffentlicht — akademisch legitimiert, open access. Trotzdem war der Vortrag im eigenen Milieu offenbar nicht möglich. Wie erklärst du diesen Widerspruch?

Die Frage ist, ob das überhaupt noch das eigene Milieu ist. Man kann sich tatsächlich fragen, ob die Auseinandersetzung mit den sogenannten roten Gruppen noch eine innerlinke Debatte ist — oder ob die sich mit ihrem Absolutheitsanspruch längst selbst rauskatapultiert haben. Für die ist ja fast alles, was nicht ihre Position ist, sofort rechts oder zumindest spalterisch. Sobald du sagst, Israel könnte auch ein Existenzrecht haben, bist du antideutsch-zionistisch. Ich glaube nicht, dass die sich selbst als Teil einer innerlinken Debatte wahrnehmen. Für die bin ich garantiert niemand, mit dem man diskutieren will.

Das hat die gestrige Aktion nochmal sehr deutlich gemacht. Sie haben am Anfang behauptet, sie wollen eine Diskussion. Darum ging es aber nicht. Es ging um Einschüchterung, Mackergehabe, Raumnahme — und darum, eine Debatte schlicht nicht zuzulassen. Das muss man so klar sagen.

Wer profitiert davon, dass dieser Vortrag nicht stattgefunden hat?

Paradoxerweise eher die undogmatischen linken Kräfte — weil das ein so deutliches Beispiel dafür war, dass diese Leute kein Gespräch suchen. Es gibt immer wieder Stimmen, auch in der Jungen Welt, die sagen, Leute wie ich würden das Gespräch verweigern, das sei spalterisch, man müsse die antiimperialistischen roten Gruppen umarmen und gemeinsam etwas aufbauen. Ich habe das schon immer für eine Illusion gehalten. Gestern hat sich gezeigt, dass es auch von deren Seite gar nicht gewünscht ist. Ein Diskurs ist nicht möglich — das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Wir müssen unsere Strukturen und Räume schützen und genau schauen, wie wir darauf reagieren.

Du beschreibst die Gruppen in deinem EFBI-Text als Scheinriesen — viele Namen, oft dieselben Personen, kleine Mitgliederzahlen. Trotzdem gelingt es ihnen, Räume zu kapern, den StuRa zu beeinflussen, den CSD zu instrumentalisieren. Wie erklärst du diese Diskrepanz?

Das funktioniert vor allem über Social Media. Wenn drei Dutzend Instagram-Kanäle dieselben Inhalte teilen, wirkt das wie drei Dutzend verschiedene Gruppen. Ein gutes Beispiel: Es gab Initiativen, die angeblich Schutzstrukturen für CSDs anbieten wollten — hinterher hat sich herausgestellt, dass dahinter Leute aus den roten Gruppen steckten. Genauso der Schülerinnenstreik gegen die Wehrpflicht hier in Leipzig: völlig legitimes Anliegen, aber kaum jemandem ist aufgefallen, dass er von der roten Gruppe Internationale Jugend angeführt wurde. Tausende Leute liefen hinter einem roten Frontbanner her — das ist dann eben die Wirkung, die sie erzielen.

Du dokumentierst sexuelle Übergriffe auf Demonstrationen, bei denen Gruppenmitglieder die Täter schützten. Wie wurde das innerhalb der Szene verarbeitet — oder eben nicht?

Ich selbst habe das nicht dokumentiert — das hat der Instagram-Kanal „Stoppt Täter“ getan. Laut deren Berichten wird es innerhalb der Gruppen gar nicht kommentiert. Wenn eine Frau äußert, dass jemand andere Frauen sexuell belästigt hat, wird eher sie als Problem behandelt, weil ihre Kritik als Angriff auf die Gruppe gilt — erst recht, wenn der Täter ein Kader war. Das klingt erschreckend, ist aber plausibel. Von den Gruppen selbst kommt dazu nichts an die Öffentlichkeit. Es wird einfach abgeblockt.

Du ziehst die K-Gruppen-Parallele explizit — Kaderdisziplin, psychischer Druck, Einfluss auf Privatleben bis hin zu Liebesbeziehungen. Was ist heute neu, was ist bloße Wiederholung?

Manche Gruppen gendern — das war in den 70ern nicht so. Ob das wirklich ernst gemeint ist und die feministische Frage tatsächlich gestellt wird, lasse ich mal offen. Aber insgesamt: Das ist eine krasse Wiederholung. Wie die sich organisieren, die Gruppendynamiken, der psychische Druck, der Versuch, das Privatleben auf die Gruppe zu beschränken — das scheint bis heute dasselbe Modell zu sein. Es gibt einen sehr guten anonymen Erfahrungsbericht auf Barrikade.info von einem Aussteiger aus der Gruppe Der Funke, die in Deutschland als Revolutionäre Kommunistische Partei organisiert ist. Der beschreibt Personenkult, Dauerkontakt mit Neumitgliedern, Spendendruck, Abschneiden von außenstehenden Kontakten — Mechanismen, die wir aus den Berichten der 70er kennen.

Die Gruppen haben feministische und queere Untergruppen — gleichzeitig wird dieser Täterprotektionismus dokumentiert. Wie passt das zusammen?

Das erklärt sich aus der Logik des Hauptwiderspruchs — nach Lenin und Mao gibt es immer einen zentralen Widerspruch, der zu bekämpfen ist, und wenn der überwunden ist, lösen sich alle anderen auf. In dieser Binnenlogik ist Feminismus eine Nebenfrage: Erst die Revolution, dann ist alles geklärt. Das haben die K-Gruppen der 70er genauso gehandhabt. In den Grundlagentexten der aktuellen Gruppen taucht der Begriff Feminismus kaum auf — man spricht von „Klassengeschwistern“ und meint damit, dass die Frage schon beantwortet ist.

Du beschreibst den Antiimperialismus als integralen Dogmatismus — man muss nichts hinterfragen. Warum ist das gerade jetzt attraktiv, nach 2020, nach dem 7. Oktober?

Der 7. Oktober hat den Gruppen die Möglichkeit geboten, sich öffentlich stark zu positionieren. Vorher waren sie eher im Hintergrund. Seitdem agieren sie offen in pro-palästinensischen und anti-israelischen Kontexten — wobei das mit Antisemitismus sehr stark verschwimmt, der bei diesen Gruppen integral ist. In Leipzig kommt noch Handala hinzu, eine antisemitisch ausgerichtete Gruppe, die sehr eng mit den roten Gruppen vernetzt ist — das verstärkt den Effekt nochmal.

Hinzu kommt, dass es in der Linken eine alte, ungelöste Debatte über den Status Palästinas und Israels gibt. Die roten Gruppen haben sich da klar positioniert: Israel ist für sie keine legitime staatliche Entität, sondern ein siedlerkoloniales Projekt des US-Imperialismus. Damit ist alles einfach. Man weiß, auf welcher Seite man steht, man hat den Hauptfeind identifiziert — und da derzeit auch andere linke Strömungen ähnlich denken, konnten sie Bewegungen aufbauen, die sie alleine nie hinbekommen hätten. Die Campusbesetzungen zum Beispiel.

Die Dimitroff-These, der Volksbegriff, „Volksverräter“ mit Hammer und Sichel — wo hört linke Tradition auf und wo fängt etwas anderes an?

Die Dimitroff-These ist so bequem, weil man damit die Arbeiterklasse reinwaschen kann: Der Faschismus war demnach eine Diktatur des Finanzkapitals, die Arbeiter waren Opfer oder Verblendete, aber nicht mitverantwortlich. Das hat die DDR sehr gut übernommen — sie konnte sich als das andere, bessere Deutschland inszenieren, das mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hat. Diese Tradition setzen die roten Gruppen fort.

Dazu kommt ein ethnisierter Antiimperialismus, der von gerechten und unterdrückten Völkern spricht — und damit einen Volksbegriff rehabilitiert, der eigentlich ideologiekritisch längst erledigt sein sollte. Man trennt das Volk von den bösen Eliten, sieht die Arbeiterklasse als das eigentliche Volk — und von da aus ist es nicht mehr weit bis zu nationalistisch aufgeladenen Formulierungen. In Connewitz gab es letztes Jahr Schmierereien mit „Volksverräter“ und Hammer und Sichel. Das ist symptomatisch.

Dein EFBI-Text ist explizit als Momentaufnahme und Materialsammlung angelegt. Schreibst du ein Buch?

Ja, das Buch soll im nächsten Frühjahr erscheinen. Mehr Analyse, aber auch keine abschließenden Antworten — die kann es nicht geben. Ich versuche, aus der Reflexion der Antiimperialismus-Kritik der 80er und 90er Jahre noch ein paar Ansätze herauszuarbeiten, wie man ideologisch aus dieser Fliege-in-der-Flasche-Situation herauskommt, die der Antiimperialismus darstellt.

Was habe ich vergessen?

Ich möchte mich bei allen stabilen Leuten bedanken, die gestern da waren. Das Publikum hat sich nicht einschüchtern lassen, ist nicht weggelaufen, als es unruhig wurde — man hat aufeinander aufgepasst, dafür gesorgt, dass alle sicher nach Hause kommen. Das ist einfach gut. Ich bin jetzt nicht das Opfer hier, und das haben die auch nicht erreicht. Jetzt erst recht. /MS

Prüwers Dokumentation „Rotes Reenactment — Marxistisch-leninistische Gruppierungen in Leipzig“ ist im EFBI-Jahrbuch 2025 erschienen und frei zugänglich unter: https://efbi.de/files/efbi/pdfs/Jahrb%C3%BCcher/2025_EFBI_Jahrbuch_OpenAccess.pdf